Jan 21 / Sarah | Doctorflix

DGPPN-Kongress 2024: Psychische Gesundheit in Krisenzeiten – Rückblick und Ausblick

Über einen Monat nach dem Abschluss des DGPPN-Kongresses 2024 präsentiert sich das wissenschaftliche Echo als ebenso vielschichtig wie die Herausforderungen, um die sich das Leitthema „Psychische Gesundheit in Krisenzeiten“ drehte. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Versorgung und Prävention angesichts globaler, politischer sowie individueller Krisen bestmöglich gelingen können.
Illustration eines entzündeten menschlichen Auges mit ausgeprägter Rötung der Bindehaut (Konjunktivitis) und der unteren Augenlider, typisch für eine Xerophthalmie im Rahmen des Sjögren-Syndroms. Über dem Auge ist eine deutlich geschwollene, rötlich-gelappte Struktur dargestellt, die eine vergrößerte Tränendrüse symbolisiert – möglicherweise durch lymphozytäre Infiltration. Die Szene verdeutlicht typische ophthalmologische Manifestationen bei Autoimmunerkrankungen mit Sicca-Symptomatik.
Hinweis: Die Inhalte auf Doctorflix sind ausschließlich für Ärzte und medizinisches Fachpersonal bestimmt. Sie dienen der fachlichen Fortbildung und sind nicht für Laien geeignet.
Bereits bei den Eröffnungsvorträgen wurde der hohe Praxisbezug deutlich: Die multiplen gesellschaftlichen Veränderungen – von Pandemie über Inflation und Krieg bis hin zu Umweltwandeln – verlangen nach resilienten Strategien für Betroffene und Behandler:innen. Die DGPPN rief die über 8000 Teilnehmer:innen1 zu einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit und einer Stärkung der psychischen Gesundheitsressourcen auf.

ICD-11 in der Praxis

Die Implementierung der ICD-112 stellte viele Kolleg:innen vor neue Herausforderungen. In den Kongress-Workshops und Symposien kamen sowohl Chancen als auch praktische Unsicherheiten zur Sprache: Differenziertere Diagnosekriterien stehen aktuell einem hohen Schulungsbedarf und Umstellungsaufwand gegenüber. Die Debatten zeugten vom Wandel, der die psychiatrische Praxis in den kommenden Jahren nachhaltig prägen dürfte.

Assistierter Suizid und Leitlinien

Großes Interesse fand die Präsentation der aktualisierten DGPPN-Eckpunkte zur Suizidassistenz. Das Thema wurde aus medizinischer, ethischer und rechtlicher Sicht intensiv beleuchtet. Die neuen Empfehlungen fordern klare Beratungs- und Begutachtungsprozesse sowie eine konsequente Trennung  der Verantwortlichkeiten. Die auf dem Kongress vorgestellten Ergebnisse zur S3-Leitlinie3 Arbeit zur Suizidalität verspricht bundesweit einheitliche Standards und wird als wichtiger Fortschritt für die psychiatrische Versorgung gewertet.

Resilienz und Präventionsforschung

Die Vorträge zur Resilienzforschung beschäftigten sich mit psychosozialen Schutzfaktoren in Krisenzeiten. Wesentlich war das Ziel, Präventionsstrategien auf dynamische individuelle Ressourcen wie Emotionsregulation, Akzeptanz und soziale Netzwerke zu fokussieren. Auch hier zeigte sich: Nicht nur theoretische Modelle, sondern aktiv umsetzbare Konzepte standen im Vordergrund.

Innovation und Digitalisierung – Psychiatrie im digitalen Wandel

Neben den klassischen Themen setzte der Kongress 2024 einen klaren Akzent auf die Zukunft der Versorgung: Die digitalen Sessions und der Mental Health Hackathon4 zeigten vielversprechende Potenziale von E-Mental-Health, Telemedizin und künstlicher Intelligenz. Besonders die Diskussionen um KI-gestützte Diagnostik und digital unterstützte Therapien verdeutlichten, wie Technologie einen niedrigschwelligen Zugang zu Hilfe ermöglichen und die Personalisierung voranbringen kann. Erste Forschungsarbeiten belegen die Wirksamkeit digitaler Interventionen, vor allem in ländlichen Regionen und für schwer erreichbare Patientengruppen. Auch das Interesse an intelligenten Prognose-Tools, die frühzeitig Risiken für Krisen identifizieren, spiegelt den internationalen Trend wider.

Nachhaltigkeit und Green Psychiatry – Ökologie als neues Versorgungsparadigma

Ein weiteres innovatives Feld, das sowohl im Inhalt als auch in der Umsetzung sichtbar wurde, war das Thema Nachhaltigkeit. Die DGPPN hat mit dem diesjährigen Kongress Maßstäbe gesetzt: CO₂-Kompensation der Veranstaltung, plastikfreie Ausstattung und Sensibilisierung für Umwelteinflüsse auf die psychische Gesundheit waren deutlich präsent. Die Bedeutung von „Green Psychiatry“ wurde mehrfach sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftspolitisch reflektiert – Studien zeigen, wie stark Klimaereignisse und Umweltveränderungen auf die mentale Gesundheit einwirken. Die Kongressmaßnahmen demonstrieren einen Wandel hin zu mehr ökologischer Verantwortung und verbinden damit klinisches Handeln mit gesellschaftlicher Nachhaltigkeit.

Persönliches Fazit und Ausblick

Aus Sicht eines Teilnehmers war der DGPPN 2024 geprägt von fachlicher Aufbruchsstimmung, innovativen Denkansätzen und praxisnahen Impulsen. Die Vielfalt der Sessions und die offene Diskussionskultur ermöglichten es, wissenschaftliche Erkenntnisse direkt mit eigenen Beobachtungen und konkreten Versorgungsproblemen zu verknüpfen. Die nachhaltige Umsetzung der Kongressergebnisse in Forschung, Behandlung und Organisation bleibt zentrale Aufgabe für das kommende Jahr.

Quellen

  1. DGPPN. Psyche im Fokus, Ausgabe 02/2024, S. 8–13.
  2. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung. 2024.
    https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html 
  3. Hegerl, U. et al. S3-Leitlinie „Umgang mit Suizidalität“. Nervenarzt. 2024.
    https://link.springer.com/article/10.1007/s15005-024-4211-5
  4. DGPPN Pressemitteilung: "Mental Health Hackathon 2024 – Digitale Innovationen und Akzeptanzförderung."
    https://www.dgppn.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2024/neue-wege-fuer-digitale-herausforderungen-mental-health-hackathon-2024.html 
  5. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) 2024. Berlin, 27.–30. November 2024